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Hans-Walter Leonhard

Psyche und Psychosen
Zum wissenschaftlichen Werk von Karl Leonhard

Für die Internet-Publikation bearbeitete Neufassung des gleichnamigen Aufsatzes, erschienen im WIFO-Journal 1993, Heft 1.
Inhalt

Vorbemerkung der Redaktion (WIFO)

Zum psychiatrischen Werk
Psychosen und Schizophrenien
Schizophrenien: erblich oder sozial bedingt?
Zur Bedeutung der "Aufteilung der endogenen Psychosen"

Das psychologische Werk
Gefühl und Vernunft
Ausgangspunkt beim Menschen selbst
Verständnisschwierigkeiten und Rezeptionsprobleme
Selbstbeobachtung als Forschungsmethode

Zusammenfassende Würdigung
Literatur

 

Vorbemerkung der Redaktion (WIFO)
 
Inmitten des 'Kalten Krieges' wechselt Karl Leonhard, praktizierender Arzt und Professor für Psychlatrie und Neurologie, vom Westen in die damalige 'Ostzone'. Unbeeinflußt von der öffentlichen Meinung folgt er einem Ruf nach Erfurt und versucht auch weiterhin, seine Arbeit von politischen Einflüssen freizuhalten. Seine außergewöhnlichen wissenschaftlichen Leistungen erreichen das westliche Publikum kaum mehr - im Osten hingegen wird eine unzureichende materialistische Ausrichtung seiner Werke bemängelt. Erst ein Jahr nach seinem Tod 1988 würdigt man ihn in einem ersten internationalen Symposium.

Hans-Walter Leonhard, seines Zeichens Erziehungswissenschaftler, gibt einen Überblick über das Werk seines Onkels mit der Absicht, neugierig auf diesen ungewöhnlichen Forscher zu machen und zur eigenen Beschäftigung mit dem Werk anzuregen.

Red.


Psyche und Psychosen

 

"Karl Leonhard war einer der größten Psychologen dieses Jahrhunderts!"
Mit diesen Worten eröffnete Tetsuo Fukuda aus Osaka, der Präsident des Weltverbandes der Gesellschaften für Biologische Psychiatrie, Ende April 1989 das "Erste Internationale Symposium über Leonhard-Klassifikation" (1) in Würzburg. - Warum war Karl Leonhard einer der Großen seines Faches? Und warum ist er auch in der wissenschaftlich interessierten Öffentlichkeit kaum bekannt geworden? 

Leben und Arbeit

Karl Leonhard wurde am 21.04.1904 geboren, studierte Medizin in Erlangen, Berlin und München, promovierte 1929 in Erlangen zum Dr. med. und arbeitete dann als Arzt in mehreren Nervenkliniken bzw. Heil- und Pflegeanstalten. 1936 wurde er von Kleist als Oberarzt an die Nervenklinik der Stadt und Universität Frankfurt/M. geholt, erhielt nach der Habilitation (1937) eine Dozentur für Psychiatrie und Neurologie an Universität Frankfurt und wurde 1944 zum außerplanmäßigen Professor ernannt. 
1955 folgte er einem Ruf auf den Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie an der Medizinischen Akademie Erfurt, 1957 wechselte er als Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie an die Humboldt-Universität zu Berlin; dort wurde er auch Direktor der Universitäts-Nervenklinik der Charité. Nach seiner Emeritierung 1969 erfolgte eine Wiederberufung als ord. Prof. für Psychiatrie und Neurologie; bis zu seinem Tode am 23.04.1988 in Berlin war er wissenschaftlich tätig - ein Leben ohne produktive geistige Arbeit konnte es sich, wie er selbst betonte, nicht vorstellen..

Er hat (z.T. zusammen mit Mitarbeitern) etwa 20 Bücher veröffentlicht, die häufig in mehreren, neu bearbeiteten oder ergänzten Auflagen erschienen. Einzelne Bücher wurden in die Sprachen Englisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Ungarisch, Rumänisch und Japanisch übersetzt. Außerdem publizierte er annähernd 250 Beiträge in Sammelwerken und Zeitschriften, oft in internationalen Organen.

Trotz dieser Fülle von Veröffentlichungen und ihrer internationalen Verbreitung ging dieses "einzigartige Forschungswerk", wie Prof. Beckmann, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Universität Würzburg, in einem Nachruf schrieb, "an der deutschen Psychiatrie beinahe spurlos vorüber". Beckmann nennt drei Gründe: Erstens die "(zu) große Eigenständigkeit seines wissenschaftlichen Denkens ..., das sich nicht scheute, gegen den herrschenden Zeitgeist zu argumentieren bzw. ihn völlig abzulehnen." Zweitens habe er für Forderung nach kontrolliertem methodischen Vorgehen insgesamt wenig Verständnis gezeigte. Als dritten Grund nennt Beckmann, daß Karl Leonhard als ein eher introvertierter Wissenschaftler jedem oberflächlichen Wissenschaftsbetrieb abgeneigt gewesen sei und es vermieden habe, "sich überall in den Brennpunkten zu zeigen und über alles mitzureden." (Beckmann 1989, S. 63)

Ein vierter Grund, der sich aus dem Lebensweg von Karl Leonhard (s.o.) ergibt, kommt hinzu: Er ging 1955, mitten im 'kalten Krieg', von Frankfurt/West über Erfurt nach Berlin/Ost, ohne sich dem dortigen System politisch oder wissenschaftlich anzubiedern. Vom Dialektischen oder Historischen Materialismus ist in seinen Büchern nichts zu spüren; allenfalls erwähnt er hin und wieder vorbildliche soziale Einrichtungen der DDR oder zitiert Rubinstein bei Aussagen, wo er auch andere Gewährsleute hätte finden können. Die Folge: In der BRD wurde ein Wissenschaftler, der in die 'Ostzone' wechselte, weitgehend ignoriert und in der DDR häufig die fehlende materialistische Orientierung bemängelt.

Der folgende Überblick über das wissenschaftliche Werk von Karl Leonhard kann nur eine erste Orientierung geben, verbunden mit einigen erläuternden Hinweisen oder Kommentaren. 

Zum psychiatrischen Werk

Die Psychiater, die Karl Leonhard persönlich kannten, rühmen übereinstimmend seine überragende Fähigkeit zur genauen Beobachtungen, detaillierten Beschreibung und diagnostischen Einordnung der Symptome psychischer Erkrankungen. Die Anzahl der von ihm persönlich untersuchten und statistisch erfaßten Fälle braucht keinen Vergleich zu scheuen; in vielen Fällen reichten seine Forschungen zur Entstehung der Krankheit bis in die frühe Kindheit und das Aufwachsen in der Familie zurück, ergänzt durch oft lebenslange Katamnesen. Außerdem unternahm er umfangreiche Untersuchungen zur Frage nach einer möglichen genetischen Belastung. Auf dieser Grundlage entstand sein psychiatrisches Hauptwerk, die Aufteilung der endogenen Psychosen und ihre differenzierte Ätiologie (1986).

Psychosen und Schizophrenien

In der Psychiatrie dominierte lange Zeit die auf Kräpelin zurückgehende Zweiteilung der endogenen Psychosen in die Formen der affektiven Psychose (manisch-depressives Irresein) und der Schizophrenie (dementia praecox). Die wegweisenden und inzwischen auch international weitgehend anerkannten Leistungen von Karl Leonhard bestehen vor allem in folgenden Punkten (vgl. 1986):

- Im Bereich der affektiven Psychosen erkannte er als eigene Formen neben den bipolaren (manisch-depressiven) die monopolaren Erkrankungen, also Euphorien oder Depressionenen, die ohne ihren jeweiligen Gegenpol auftreten.

- Die ursprünglich sehr großen Gruppe der sog. Schizophrenien unterteilte er in drei eigenständige Gruppen von Krankheiten:

a) Die (immer wieder ausheilenden) zykloiden Psychosen, die seiner Ansicht nach den manisch-depressiven Erkrankungen ähnlicher sind als die Schizophrenien - eine auch therapeutisch sehr wichtige Feststellung;

b) die sog. atypischen oder unsystematischen Schizophrenien, die den zykloiden Psychosen bzw. manisch-depressiven Erkrankungen näher stehen als den Krankheiten, die er als

c) systematische Schizophrenien bezeichnete und die er, wie auch die anderen Gruppen, in zahlreiche Einzelkrankheiten weiter differenzierte.

Im herkömmlichen Sinne von der Schizophrenie zu sprechen hielt er für einen grobe Fahrlässigkeit bei der Diagnostik und für eine untaugliche Voraussetzung bei der Forschung. 

Schizophrenien: erblich oder sozial bedingt?

Neben der möglichst genauen Beschreibung und Aufteilung endogener Psychosen hat ihn auch die Frage nach den Ursachen sein Leben lang beschäftigt.Sein Ausgangspunkt: Da es nicht einige wenige, sondern viele verschieden Psychosen (mit eindeutig unterscheidbaren Krankheitbildern) gebe, müsse die Forschung nach spezifischen Ursachen für die jeweiligen Formen suchen. Große Aufmerksamkeit widmete er dabei auch der Frage nach einem erblichen Faktor, die er durch umfangreiche Untersuchungen über Erkrankungen bei Verwandten zu klären suchte. Die üblichen Zahlen über die erbliche Belastung bei Psychosen hielt er für wenig aussagekräftig, da sie nicht genügend zwischen den verschiedenen Formen unterscheiden würden. Wenn möglich stützte er sich bei seinen Forschungen nicht nur auf die Berichte anderer, sondern suchte die betreffenden Personen auf, um sie selbst zu untersuchen. Dabei kam er auf Zahlen, die bei bestimmten Krankheitsformen einen dominanten, bei anderen einen rezessiven Erbgang vermuten lassen, während bei wieder anderen keinerlei signifikante Belastung erkennbar ist, wie bei den von ihm als 'systematisch' bezeichneten Schizophrenien: Diese Gruppe hat nach seinen Untersuchungen die geringste erbliche Belastung aller Schizophrenien, nicht signifkant höher als die Allgemeinbevölkerung, und verläuft doch in der Regel am schwersten. Dieses Ergebnis bereitete ihm viel Kopfzerbrechen, da er zugleich davon überzeugt war, daß die 'systematischen' Schizophrenien organisch bedingte Störungen des Gehirns als System darstellen und die jeweilige Symptomatik als Dysfunktion oder Ausfall bestimmter Teile dieses Systems gedeutet werden können, wodurch das 'Gesamtsystem' sozusagen aus dem Gleichgewicht gerät.

Seine Gedanken zur Lösung des Problems, die sich in der 5. Auflage derAufteilung (1980) bereits abzeichnen, werden in der 6. Auflage (1986) ausführlich entfaltet und durch umfangreiches Material gestützt - er spricht im Vorwort von "unerwarteten neuen Erkenntnissen über die Ätiologie der endogenen Psychosen", die sich aus "umfangreichen Untersuchungen in den letzten Jahren ergeben" hätten. Der Teil über die Ätiologie wuchs entsprechend von 10 auf 110 Seiten - ich erwähne dies auch als Ergänzung zu den biographischen Daten, da sie die Produktivität dieses Wissenschaftlers bis ins hohe Alter zeigen: Beim Erscheinen dieser letzten Auflage, die er umgearbeitet hat wie keine andere Neuauflage, war er 82 Jahre alt.

Seine Ansichten zur Lösung kann ich hier nur ganz kurz andeuten: Nach den Erkenntnisse der Gehirnforschung entwickeln die Nervenzellen in den Wachstumsjahren ein Netzwerk vielfältiger Verbindungen, wobei nur die Verbindungen bestehen bleiben, die auch wirklich benutzt und dadurch stabilisiert werden. Die morphologische Feindifferenzierung von Hirnsystemen erfolgt also nicht nur auf der Basis genetischer Informationen, sondern auch "in einem Wechselspiel mit der äußeren Umgebung" (S. 264). Fehlen solche notwendigen Anregungen aus der Umwelt, dann reifen die Systeme nicht genügend aus und es kann zu Schäden kommen. Gestützt auf eine große Zahl sorgfältigter, soweit als möglich die Kindheit und das Aufwachsen in der Familie einbeziehender Anamnesen schizophrener Erkrankungen vertritt Karl Leonhard nun die These, daß bei den systematischen Schizophrenien auf Grund einesMangels an Kommunikation diese notwendigen Anregungen aus der Umwelt fehlten. Die Entstehung der Krankeiten führt er damit wesentlich (2) aufpsychosoziale Ursachen zurück, die zu einer organischen (morphologischen) Fehlentwicklung führen. Da Schizophrenien nur selten bereits in den Entwicklungsjahren beginnen, wirken sich seiner Ansicht nach die Entwicklungsdefizite meist nicht sofort aus, sondern die betroffenen Systeme würden wahrscheinlich erst im Laufe der fortdauernden Beanspruchung versagen.

Dieses Konzept schlägt eine Brücke zwischen der Sozialpsychiatrie, die den sozialen Kontext betont, und der biologisch orientierten Psychiatrie, die von einer organisch bedingten Störung ausgeht. Gegen die Sozialpsychiatrie wandte er ein, daß die Ursache nicht an bestimmten problematischen Inhalten der Kommunikation liege (double bind etc.), sondern schlicht an einem Mangel an Kommunikation, gegen die biologische Psychiatrie, daß die Fehlentwicklung keine genetischen Ursachen habe.

Zur Bedeutung der "Aufteilung der endogenen Psychosen"

In der internationalen Psychiatrie findet sein Werk inzwischen zunehmende Beachtung. So fand, wie schon erwähnt, im April 1989 das "Erste Internationale Symposium über Leonhard-Klassifikation" statt, auf dem auch die "Internationale Wernicke-Kleist-Leonhard Gesellschaft" gegründet wurde. Diese Gesellschaft will unter anderem die Leonhard-Klassifikation als fruchtbare Alternative zu den aktuellen Klassifikationssystemen, dem DSM-III der amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie und dem ICD-9 der WHO zur Diskussion stellen. 

Das Bild zeigt Professor Karl Kleist (links am Tisch sitzend, mit Brille) und seine Mitarbeiter. Karl Leonhard rechts neben Kleist am Tisch (1947)

Zu den Unterschieden zwischen dem ICD bzw. DSM und der Leonhard-Klassifikation am Beispiel des DSM-III: DSM-III ist merkmalsorientiert, und zwar aufgegliedert nach verschiedenen Dimensionen (Achsen). Wenn aus den dort aufgeführten Listen definierter Symptome eine bestimmte Anzahl bei einem Patienten vorliegt, wird die zugeordnete Krankheit diagnostiziert. Beispiel: Werden mindestens drei der sieben aufgelisteten Symptome einer manischen Störung angetroffen, so ergibt sich die Diagnose ğManieĞ (vgl. Davison/Neale 1988, S. 94 ff). Grundlage der Diagnose ist also eine quantitativ bestimmte Mindestzahl definierter Symptome in beliebiger Zusammensetzung. Die Leonhard-Klassifikation hingegen beschreibt phänomenologisch zusammengehörende Symptome und zeichnet Krankheitsbilder. (3) Sie enthält, wie schon mehrfach erwähnt, viele verschiedene Krankheitsformen. Die Konsequenz daraus, in seinen eigenen Worten:

"Wenn man nicht wenige, sondern viele endogene Psychosen zu unterscheiden hat, dann wird die Psychiatrie allerdings zu einer schwierigen Wissenschaft" (1986, S. 12), vor allem verglichen mit der auf Kraepelin zurückgehenden Zweiteilung in manisch-depressiv und schizophren. Er hielt das jedoch für einenVorteil, denn die "Leichtigkeit, mit der heute ein Psychiater seine Diagnose zu stellen vermag - er kann sie ja kaum verfehlen, wenn er von zwei Möglichkeiten eine auswählt -, hat dazu geführt, daß viele überhaupt nicht mehr lernen, ein psychiatrisches Bild richtig zu sehen und zu beurteilen" (1988, S. 13). Er selbst beherrschte diese Kunst des 'richtigen Sehens', bis ins hohe Alter. Beckmann berichtet: 
"Einen Monat vor seinem Tod ist er noch für eine Woche in Würzburg gewesen. Er war in erstaunlicher körperlicher Frische und bei stets gewohnter Geistesgegenwart. Wir untersuchten den ganzen Tag über Patienten im Landeskrankenhaus und erlebten Höhepunkte längst unbekannt gewordener phänomenologischer Psychopathologie." (1989, S. 64)  

Das psychologische Werk

Karl Leonhard hat außerdem ein umfangreiches psychologisches Werk hinterlassen, das bisher kaum rezipiert wurde. Aber: Auch seine psychologischenBücher zeugen von seiner gerühmten Fähigkeit zur phänomenologischen Beobachtung, Beschreibung und Ordnung. Unabhängig davon, ob oder wie weit man seine Interpretationen und Deutungen teilt, kann meiner Ansicht nach nicht bezweifelt werden: Dieser Teil seines Werkes bietet in seiner Anschaulichkeit, Vielfalt und Genauigkeit eine im deutschen Sprachraum wohl einzigartige Beschreibung des inneren Erlebens, seines Ausdrucks im Mimik, Gestik, Phonik und der Charakteristik menschlicher Wesensarten.

Sein psychologisches Hauptwerk ist die Biologische Psychologie.Ohne die Bedeutung der Sozialpsychologie bestreiten zu wollen betonte er: "Man sollte aber doch nicht vergessen, daß das menschliche Verhalten auch biologische Grundlagen hat" (1972, S. 5). Diese Grundlagen seien nicht die gleichen sind wie bei den Tieren; der Mensch unterscheide sich von diesen "nicht nur dadurch, daß sich die biologischen Bindungen gelockert haben, auch das, was ihn noch bindet, ist eigener Art" (ebd.). Deshalb grenzte er sich von der vergleichenden Verhaltensforschung (z.B. Konrad Lorenz), die eher auf die Parallelen zwischen dem tierischen und menschlichen Verhalten hinweist, mit folgendem Hinweis ab: "Die Parallelen bleiben nicht verborgen, die Unterschiede treten aber ungleich stärker hervor, wenn man vom Menschen selbst ausgeht und unmittelbar bei ihm biologische Grundlagen des Verhaltens sucht" (ebd.). Karl Leonhard sah seine Aufgabe also von vornherein in einer humanbiologisch orientierten Psychologie, sein "wesentliches Bestreben" war dabei "darauf gerichtet, das biologische Grundgefüge der menschlichen Verhaltensweisen aufzuzeigen, auf dem sich die feineren psychischen Vorgänge in Abhängigkeit von der sozialen Umgebung aufbauen" (ebd.)

In seiner Biologischen Psychologie behandelt er unter dieser Fragestellung u.a. folgende Themen: Die Unterscheidung verschiedener Gruppen von Gefühlen samt genauer Beschreibung ihrer Entstehungsbedingungen; die Analyse einzelner Gefühle (z.B. Hunger, Durst, Neugier, Langeweile, Furcht, Mitleid, Stolz, Haß, Scham, Empörung, sexuelle Gefühle) und Gefühlskomplexe (z.b. Eifersucht, Grausamkeit); mittelbare und potenzierte Gefühle; bewußte und unterbewußte Anteile am Denken samt einer Analyse der verschiedenen Formen oder Kräfte, die im Denken wirksam sind, der inneren Zusammenhang von Fühlen und Denken samt ihrer Bedeutung für die Willensbildung; individuelle Wesensarten, Temperament und Charakter.

Ein zentrales Thema der Biologischen Psychologie sind also die Gefühle und ihre Bedeutung für das menschlichen Leben. Dabei ist jedoch zu beachten: DieBiologische Psychologie ist nicht etwa als eine Monographie über die menschlichen Gefühle konzipiert, sondern, so möchte ich es nennen, in erster Linie als eine umfassende Phänomenologie der inneren Erfahrung. Der Umfang, den die Gefühle in der Biologischen Psychologie einnehmen, und die Bedeutung, die ihnen zuerkannt wird, sind ein Ergebnis dieser Phänomenologie.

Gefühl und Vernunft

Ohne an dieser Stelle auf den Inhalt weiter eingehen zu können sei nur soviel vermerkt: Häufig wird, in der alltäglichen Rede ebenso wie in der wissenschaftlichen Literatur, von einem Gegensatz (oder Widerspruch, einer Antinomie oder Spaltung) von Vernunft (Rationalität, Geist, Reflexion) und Gefühl (Emotionalität, Triebsystem, Lustprinzip) gesprochen. Von solchen Dualismen ist in der Biologischen Psychologie nichts zu finden. Vielmehr zeigt sie das innere Zusammenwirken, die Bedeutung und den Einfluß des Denkens auf das Fühlen ebenso wie die Bedeutung und den Einfluß des Fühlens auf das Denken sowie die Konsequenzen dieses Zusammenwirkens bei der Willensbildung und den Entscheidungsvorgängen.

Ausgangspunkt beim Menschen selbst

Vor allem auch im Kontext der Kontroversen um die vergleichende Verhaltensforschung, die Soziobiologie und Biopsychologie halte ich den Ausgangspunkt beim Menschen selbst, den K. Leonhard wählte, für sehr beachtenswert, da die Kritik an diesen Richtungen sich ja häufig gegen angebliche oder tatsächliche Übertragungen tierischen Verhaltens auf den Menschen richtet. Falls man nicht von vorneherein biologische Grundlagen des Verhaltens leugnet oder sie in der Psychologie für unwichtig hält, ist dieBiologische Psychologie deshalb zumindest eine wichtige Ergänzung zu sonstigen Abhandlungen; ich denke, sie ist ein notwendiges Korrektiv und bietet viele wichtige Erkenntnisse, auch im Hinblick auf die allgemeine Anthropologie, auf eine allgemeine Theorie menschlicher Motivation oder auf die neueren Bestrebungen zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise in der Psychologie.

Aber auch dann, wenn man die Schlüsse von K. Leonhard auf biologische Grundlagen ablehnt und das, was er als biologisch gegeben erachtet, für sozial vermittelt hält, bietet dieses Buch einen Reichtum an Beschreibungen und Interpretationen des psychischen (Er)Lebens, der seinesgleichen sucht. Dies gilt ebenso für die anderen Abhandlungen, in denen er einige Themen derBiologischen Psychologie vertiefte oder ergänzend weitere Bereichen der menschlichen Psyche behandelte. Zu nennen sind:

  • Seine akribische, fast detailbesessene Beschreibung des menschlichen Ausdrucks in Mimik, Gestik Phonik (1976),
  • sein Versuch, Gesetze und Sinn des Träumens (1951) zu erfassen,
  • seine eigene Typologie verschiedener Wesensarten mit vielen Beispielen auch aus der schöngeistigen Literatur (1976).
  • seine Charakterisierungen und Deutungen sexueller Handlungen, ihrer Grundlagen und Motive (1964)

Außerdem entwickelte er eine eigene Theorie zu den Ursachen von Neurosen und eine eigene Form der Therapie (1981). Seine psychotherapeutischen Methoden ähneln dabei oft denen der Verhaltenstherapie, weshalb Beckmann sagt, daß er "mit einigem Recht als Begründer der Verhaltenstherapie bezeichnet werden könnte" (1989, S. 64). Die theoretische Grundlegung und die Erklärung der Wirksamkeit beruht jedoch nicht auf der behavioristischen Psychologie, sondern auf davon völlig divergierenden Annahmen, die in der Biologischen Psychologie erläutert werden.  

Verständnisschwierigkeiten und Rezeptionsprobleme

Warum wurde dieses umfassende psychologische Werk in der akademischen Psychologie kaum beachtet? Ich denke, dafür sind sowohl inhaltliche als auch methodologische Gründe verantwortlich:

Inhaltlich betrachtet handelt es sich, wie schon bei seiner Psychiatrie, um ein völlig eigenständiges Werk, in dem nur selten versucht wird, auf andere Richtungen Bezug zu nehmen. Er selbst sagte dazu in der Einleitung der 2. Auflage der Biologischen Psychologie: "Man wird mir vielleicht zum Vorwurf machen, daß ich recht wenig auf anderen Autoren aufbaue. Ich kann mich nur damit entschuldigen, daß ich glaube, etwas Neues vorzubringen, das sich selten von bisherigen Auffassungen und Erkenntnissen ableiten läßt." (1962, S. 8)

Die biologische Argumentationsweise, die er dabei vertritt, war und ist für viele Psychologen ein Reizthema, wie die Kontroversen über die Soziobiologie bzw. die Biopsychologie zeigen. Nicht nur, aber vor allem die Leser und Leserinnen aus dem psychologischen und sozialwissenschaftlichen Bereich lehnen seine Thesen oft schon allein deshalb ab, weil Karl Leonhard z. B. von Trieben und Instinkten beim Menschen spricht (und dabei oft sehr problematische Namen für die einzelnen Instinkte wählt). Seine Annahmen über biologische Grundkräfte im Erleben und Verhalten sind zudem oftmals eher spekulativ und angreifbar; mögliche alternative Erklärungen (kulturell-gesellschaftliche Bedingtheit) werden kaum diskutiert.

Neben diesen inhaltlichen Positionen verhinderte auch seine Forschungsmethode die Rezeption seines Werkes in der Psychologie: Er verzichte auf methodisch kontrollierte Experimente ebenso wie auf Untersuchungen, die den strengen Kriterien der empirischen Forschung genügen. Statt dessen stützte sich vor allem auf persönliche Beobachtungen (Selbst- und Fremdbeobachtungen) sowie auf Beobachtungen und Informationen, die er in Gesprächen z.B. mit Patienten oder Probanden gewann. Zur Verdeutlichung zog er manchmal auch in Büchern niedergelegte Beobachtungen anderer Autoren heran oder wählte Beispiele aus der schöngeistigen Literatur, da er viele große Dichter auch für gute Psychologen hielt.

Selbstbeobachtung als Forschungsmethode

Da gerade die Selbstbeobachtung als Methode in der modernen Psychologie sehr umstritten ist oder abgelehnt wird, sei seine Begründung für die Wahl dieser Methode etwas ausführlicher zitiert: 

"Jede Psychologie (bleibt) weltfremd, die sich vorwiegend auf das Experiment stützt, denn dieses vermag die Wirklichkeit auch nicht im entferntesten nachzuahmen. ... Gegenüber der Mannigfaltigkeit des psychischen Geschehens ist das Experiment nur ein äußerst kümmerliches Forschungsmittel. ... Diese Methode der Selbstbeobachtung wurde stets von manchen Psychologen abgelehnt, da ihr die Zeichen objektiver Beweisführung fehlen. Man vergißt dann aber, daß feinere psychologische Feststellungen eigentlich nur so zu treffen sind ... Im Grunde genommen beruht auf dieser Methode die ganze Psychologie, auch die experimentelle. Die meisten objektiven Versuche wären gar nicht in der richtigen Form anzustellen, wenn man nicht vorher schon durch Selbstbeobachtung erkannt hätte, worauf es ankommt. Darüber hinaus geben viele Experimente nur das wieder, was man durch Selbstbeobachtung ohnedies schon, oft sogar viel klarer und bestimmter, festgestellt hat. Auf diese kommt es also vor allem an." (1962, S. 7)

Angesichts der Dominanz der empirisch-experimentellen Psychologie stand er mit diesem Konzept völlig im Abseits - doch vielleicht ändert sich das in Zukunft, denn die einseitige Ausrichtung der Psychologie an naturwissenschaftlichen Methoden wird zunehmend kritisiert und z.B. gefordert, auch die "Perspektive des erlebenden Subjekts" und die "Perspektive eines Gesprächspartners" (Werbik 1992, S. 3) als Möglichkeiten anzuerkennen, von denen her wissenschaftlich-psychologische Aussagen gewonnen werden können. Sollte sich diese oder ähnliche Forderungen nach der Zulässigkeit phänomenologischer oder hermeneutischer Methoden in der Psychologie durchsetzen, dann wäre meiner Ansicht nach auch die Vorgehensweise von Karl Leonhard rehabilitiert, die ja primär durch die Perspektiven des erlebenden Subjekts und des Gesprächspartners bestimmt sind. Der Weg wäre dann (endlich) frei, seine Aussagen jenseits eines methodischen Verdikts inhaltlich zu diskutieren. Und vielleicht würde dann auch (an)erkannt werden, daß seine Psychologie - gerade wegen dieser Perpektiven - eine lebensnahe Psychologie und auch in dieser Hinsicht sehr modern ist:

Gegenstand der Betrachtung ist das Erleben und das Handeln der Menschen in den vielfältigen Situationen des Alltags, seine Beispiele stammen, wie er sagt, "aus dem wirklichen Leben". Indem er damit die subjektiven Erfahrungen begreiflich machen und erklären will, erreicht er eine große Lebensnähe, unabhängig davon, wieweit man ihm jeweils zustimmt. Im Unterschied zu weiten Bereichen der universitären Psychologie wertet diese Psychologie den Alltagsverstand nicht ab, sondern knüpft an ihn an, um ihn zu verbessern und zu korrigieren, zu erweitern und zu vertiefen. Sie verhindert damit die Kluft "zwischen der wissenschaftlich aufgebauten Psychologie und dem, was man im allgemeinen Sprachgebrauch psychologisch nennt" (1962, S. 7).

Zusammenfassende Würdigung

Von sich selbst sagte Karl Leonhard mit Vorliebe, er sei ein "konkreter Denker". Er hat nicht mit spektakulären Theorien begonnen oder große hypothetische Entwürfe zur Diskussion gestellt, sondern zunächst und vor allem beobachtet, untersucht und beschrieben. Er bleibt dabei nicht bei einer isolierenden oder abstrahierenden Feststellung einzelner Merkmale stehen, die dann additiv zusammengefügt werden, sonden beschreibt vor allem Bilder, Muster oderTypen. Die Fähigkeit zur Erkenntnis solcher Zusammenhänge im beobachteten Material samt der Fähigkeit zur genauen und anschaulichen Beschreibung, die wie schon erwähnt auch seiner Aufteilung zugrunde liegt, zeichnet meines Erachtens in besonderer Weise sein gesamtes Werk aus. Auf dem Würzburger Symposium wurde mehrmals gesagt, er sei in dieser Hinsicht ein Genie gewesen.

Auf dieser Grundlage hat er dann Schlüsse gezogen, über die man häufig durchaus geteilter Meinung sein kann: neben zwingenden oder sehr plausiblen Schlüssen finden sich auch recht spekulative Überlegungen und manche sehr fragwürdigen Urteile.

Insgesamt ist dabei jedoch, wie Beckmann in seinem Nachruf sagt, ein erstaunliches und einzigartiges Lebenswerk entstanden. Das betrifft einerseits den thematischen Umfang seines Werkes und die Ausarbeitung der einzelnen Teile, die hier nur angedeutet werden konnten. Das betrifft aber andererseits vor allem auch den inneren Zusammenhang seiner beiden Hauptwerke: DerAufteilung und der Biologischen Psychologie.

Dieser Zusammenhang wird in seiner Biopsychologie der endogenen Psychosen(1972) entwickelt, ich kann ihn hier in Kürze nicht nachzeichnen. Nur soviel: Er behauptet, daß seine Charakterisierung und Deutung der endogenen Psychosen eine indirekte Bestätigung seiner Beschreibung wesentlicher Merkmale der gesunden Psyche in der Biologischen Psychologie enthalte, und umgekehrt diese Beschreibung eine indirekte Bestätigung seiner Charakterisierung der Psychosen; und daß das kein Zirkel, sondern ein gegenseitiger Beweis sei, da die beiden Seiten auf voneinander unabhängigen Beobachtungen bzw. Schlüssen beruhten. Man kann Zweifel haben, ob das inhaltlich und methodisch tatsächlich zutrifft, aber: Das ist ein Gesamtentwurf der menschlichen Psyche wie es nur wenige andere gibt!  


Kontakt:
INTERNATIONALE WERNICKE-KLEIST-LEONHARD GESELLSCHAFT


Anmerkungen:

1. Ein Großteil der Vorträge auf diesem Symposium wurde veröffentlicht in: Psychopathology, Vol. 23, No. 4-6, 1990: Leonhard Classification of Endogenous Psychoses.

2. Oft komme eine konstitutionelle "Systemschwäche" hinzu, die hier nicht weiter erläutert werden kann.

3. Sehr informative und auch für psychiatrische Laien nachvollziebare Beispiele solcher Krankheitsbilder bietet das posthum erschienene Buch Bedeutende Persönlichkeiten in ihren psychischen Krankheiten (1988), in dem unter anderen auch die Krankheiten von Rousseau, Hölderlin, Schumann und van Gogh auf Grundlage ihrer eigenen Schriften und Briefe geschildert und beurteilt werden.

Im Text erwähnte Literatur

Karl Leonhard:

  • Akzentuierte Persönlichkeiten, 2. Aufl., Berlin 1976
  • Aufteilung der endogenen Psychosen und ihre differenzierte Ätiologie. 6. Aufl. Berlin 1986
  • Bedeutende Persönlichkeiten in ihren psychischen Krankheiten. Beurteilung nach ihren eigenen Schriften und Briefen. Berlin 1988.
  • Biologische Psychologie. 2. Aufl. Leipzig 1962 und 5. Aufl. Frankfurt/M. 1972
  • Biopsychologie der endogenen Psychosen. Leipzig 1970
  • Der menschliche Ausdruck in Mimik, Gestik und Phonik. Neuauflage Leipzig 1976
  • Gesetze und Sinn des Träumens. Zugleich eine Kritik der Traumdeutung und ein Einblick in das Wesen des Unterbewußtseins. 2. Aufl. Stuttgart 1951
  • Individualtherapie der Neurosen. 3. Aufl. Leipzig 1981
  • Instinkte und Urinstinkte in der menschlichen Sexualität. Zugleich ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte menschlicher Instinkte. Stuttgart 1964

Beckmann, H.: In memoriam Karl Leonhard. In: Nervenarzt (1989) 60:63-64

Davison, G.C., Neale, J.M.: Klinische Psychologie. München, Weinheim 1988

Werbik, H.: Wahlfreiheit und Naturkausalität. Memorandum 72, Inst. f. Psych. d. Univ. Erlangen 1992