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Hans-Walter Leonhard Psyche
und Psychosen |
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| Für die Internet-Publikation bearbeitete Neufassung des gleichnamigen Aufsatzes, erschienen im WIFO-Journal 1993, Heft 1. | |
| Inhalt
Vorbemerkung der Redaktion (WIFO) Zum
psychiatrischen Werk |
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Red. |
Psyche und Psychosen
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"Karl Leonhard war einer der größten Psychologen dieses Jahrhunderts!" Leben und Arbeit Karl Leonhard wurde am 21.04.1904 geboren, studierte Medizin in Erlangen, Berlin und
München, promovierte 1929 in Erlangen zum Dr. med. und arbeitete dann als Arzt in
mehreren Nervenkliniken bzw. Heil- und Pflegeanstalten. 1936 wurde er von Kleist als
Oberarzt an die Nervenklinik der Stadt und Universität Frankfurt/M. geholt, erhielt nach der
Habilitation (1937) eine Dozentur für Psychiatrie und Neurologie an Universität Frankfurt
und wurde 1944 zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Er hat (z.T. zusammen mit Mitarbeitern) etwa 20 Bücher veröffentlicht, die häufig in mehreren, neu bearbeiteten oder ergänzten Auflagen erschienen. Einzelne Bücher wurden in die Sprachen Englisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Ungarisch, Rumänisch und Japanisch übersetzt. Außerdem publizierte er annähernd 250 Beiträge in Sammelwerken und Zeitschriften, oft in internationalen Organen. Trotz dieser Fülle von Veröffentlichungen und ihrer internationalen Verbreitung ging dieses "einzigartige Forschungswerk", wie Prof. Beckmann, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Universität Würzburg, in einem Nachruf schrieb, "an der deutschen Psychiatrie beinahe spurlos vorüber". Beckmann nennt drei Gründe: Erstens die "(zu) große Eigenständigkeit seines wissenschaftlichen Denkens ..., das sich nicht scheute, gegen den herrschenden Zeitgeist zu argumentieren bzw. ihn völlig abzulehnen." Zweitens habe er für Forderung nach kontrolliertem methodischen Vorgehen insgesamt wenig Verständnis gezeigte. Als dritten Grund nennt Beckmann, daß Karl Leonhard als ein eher introvertierter Wissenschaftler jedem oberflächlichen Wissenschaftsbetrieb abgeneigt gewesen sei und es vermieden habe, "sich überall in den Brennpunkten zu zeigen und über alles mitzureden." (Beckmann 1989, S. 63) Ein vierter Grund, der sich aus dem Lebensweg von Karl Leonhard (s.o.) ergibt, kommt hinzu: Er ging 1955, mitten im 'kalten Krieg', von Frankfurt/West über Erfurt nach Berlin/Ost, ohne sich dem dortigen System politisch oder wissenschaftlich anzubiedern. Vom Dialektischen oder Historischen Materialismus ist in seinen Büchern nichts zu spüren; allenfalls erwähnt er hin und wieder vorbildliche soziale Einrichtungen der DDR oder zitiert Rubinstein bei Aussagen, wo er auch andere Gewährsleute hätte finden können. Die Folge: In der BRD wurde ein Wissenschaftler, der in die 'Ostzone' wechselte, weitgehend ignoriert und in der DDR häufig die fehlende materialistische Orientierung bemängelt. Der folgende Überblick über das wissenschaftliche Werk von Karl Leonhard kann nur eine erste Orientierung geben, verbunden mit einigen erläuternden Hinweisen oder Kommentaren.
- Im Bereich der affektiven Psychosen erkannte er als eigene Formen neben den bipolaren (manisch-depressiven) die monopolaren Erkrankungen, also Euphorien oder Depressionenen, die ohne ihren jeweiligen Gegenpol auftreten. - Die ursprünglich sehr großen Gruppe der sog. Schizophrenien unterteilte er in drei eigenständige Gruppen von Krankheiten: a) Die (immer wieder ausheilenden) zykloiden Psychosen, die seiner Ansicht nach den manisch-depressiven Erkrankungen ähnlicher sind als die Schizophrenien - eine auch therapeutisch sehr wichtige Feststellung; b) die sog. atypischen oder unsystematischen Schizophrenien, die den zykloiden Psychosen bzw. manisch-depressiven Erkrankungen näher stehen als den Krankheiten, die er als c) systematische Schizophrenien bezeichnete und die er, wie auch die anderen Gruppen, in zahlreiche Einzelkrankheiten weiter differenzierte. Im herkömmlichen Sinne von der Schizophrenie zu sprechen hielt er für einen grobe Fahrlässigkeit bei der Diagnostik und für eine untaugliche Voraussetzung bei der Forschung. Schizophrenien: erblich oder sozial bedingt? Seine Gedanken zur Lösung des Problems, die sich in der 5. Auflage derAufteilung (1980) bereits abzeichnen, werden in der 6. Auflage (1986) ausführlich entfaltet und durch umfangreiches Material gestützt - er spricht im Vorwort von "unerwarteten neuen Erkenntnissen über die Ätiologie der endogenen Psychosen", die sich aus "umfangreichen Untersuchungen in den letzten Jahren ergeben" hätten. Der Teil über die Ätiologie wuchs entsprechend von 10 auf 110 Seiten - ich erwähne dies auch als Ergänzung zu den biographischen Daten, da sie die Produktivität dieses Wissenschaftlers bis ins hohe Alter zeigen: Beim Erscheinen dieser letzten Auflage, die er umgearbeitet hat wie keine andere Neuauflage, war er 82 Jahre alt.
Zur Bedeutung der "Aufteilung der endogenen Psychosen" In der internationalen Psychiatrie findet sein Werk inzwischen zunehmende Beachtung. So fand, wie schon erwähnt, im April 1989 das "Erste Internationale Symposium über Leonhard-Klassifikation" statt, auf dem auch die "Internationale Wernicke-Kleist-Leonhard Gesellschaft" gegründet wurde. Diese Gesellschaft will unter anderem die Leonhard-Klassifikation als fruchtbare Alternative zu den aktuellen Klassifikationssystemen, dem DSM-III der amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie und dem ICD-9 der WHO zur Diskussion stellen.
Zu den Unterschieden zwischen dem ICD bzw. DSM und der Leonhard-Klassifikation am Beispiel des DSM-III: DSM-III ist merkmalsorientiert, und zwar aufgegliedert nach verschiedenen Dimensionen (Achsen). Wenn aus den dort aufgeführten Listen definierter Symptome eine bestimmte Anzahl bei einem Patienten vorliegt, wird die zugeordnete Krankheit diagnostiziert. Beispiel: Werden mindestens drei der sieben aufgelisteten Symptome einer manischen Störung angetroffen, so ergibt sich die Diagnose ğManieĞ (vgl. Davison/Neale 1988, S. 94 ff). Grundlage der Diagnose ist also eine quantitativ bestimmte Mindestzahl definierter Symptome in beliebiger Zusammensetzung. Die Leonhard-Klassifikation hingegen beschreibt phänomenologisch zusammengehörende Symptome und zeichnet Krankheitsbilder. (3) Sie enthält, wie schon mehrfach erwähnt, viele verschiedene Krankheitsformen. Die Konsequenz daraus, in seinen eigenen Worten:
Karl Leonhard hat außerdem ein umfangreiches psychologisches Werk hinterlassen, das bisher kaum rezipiert wurde. Aber: Auch seine psychologischenBücher zeugen von seiner gerühmten Fähigkeit zur phänomenologischen Beobachtung, Beschreibung und Ordnung. Unabhängig davon, ob oder wie weit man seine Interpretationen und Deutungen teilt, kann meiner Ansicht nach nicht bezweifelt werden: Dieser Teil seines Werkes bietet in seiner Anschaulichkeit, Vielfalt und Genauigkeit eine im deutschen Sprachraum wohl einzigartige Beschreibung des inneren Erlebens, seines Ausdrucks im Mimik, Gestik, Phonik und der Charakteristik menschlicher Wesensarten. Sein psychologisches Hauptwerk ist die Biologische Psychologie.Ohne die Bedeutung der Sozialpsychologie bestreiten zu wollen betonte er: "Man sollte aber doch nicht vergessen, daß das menschliche Verhalten auch biologische Grundlagen hat" (1972, S. 5). Diese Grundlagen seien nicht die gleichen sind wie bei den Tieren; der Mensch unterscheide sich von diesen "nicht nur dadurch, daß sich die biologischen Bindungen gelockert haben, auch das, was ihn noch bindet, ist eigener Art" (ebd.). Deshalb grenzte er sich von der vergleichenden Verhaltensforschung (z.B. Konrad Lorenz), die eher auf die Parallelen zwischen dem tierischen und menschlichen Verhalten hinweist, mit folgendem Hinweis ab: "Die Parallelen bleiben nicht verborgen, die Unterschiede treten aber ungleich stärker hervor, wenn man vom Menschen selbst ausgeht und unmittelbar bei ihm biologische Grundlagen des Verhaltens sucht" (ebd.). Karl Leonhard sah seine Aufgabe also von vornherein in einer humanbiologisch orientierten Psychologie, sein "wesentliches Bestreben" war dabei "darauf gerichtet, das biologische Grundgefüge der menschlichen Verhaltensweisen aufzuzeigen, auf dem sich die feineren psychischen Vorgänge in Abhängigkeit von der sozialen Umgebung aufbauen" (ebd.) In seiner Biologischen Psychologie behandelt er unter dieser Fragestellung u.a. folgende Themen: Die Unterscheidung verschiedener Gruppen von Gefühlen samt genauer Beschreibung ihrer Entstehungsbedingungen; die Analyse einzelner Gefühle (z.B. Hunger, Durst, Neugier, Langeweile, Furcht, Mitleid, Stolz, Haß, Scham, Empörung, sexuelle Gefühle) und Gefühlskomplexe (z.b. Eifersucht, Grausamkeit); mittelbare und potenzierte Gefühle; bewußte und unterbewußte Anteile am Denken samt einer Analyse der verschiedenen Formen oder Kräfte, die im Denken wirksam sind, der inneren Zusammenhang von Fühlen und Denken samt ihrer Bedeutung für die Willensbildung; individuelle Wesensarten, Temperament und Charakter. Ein zentrales Thema der Biologischen Psychologie sind also die Gefühle und ihre Bedeutung für das menschlichen Leben. Dabei ist jedoch zu beachten: DieBiologische Psychologie ist nicht etwa als eine Monographie über die menschlichen Gefühle konzipiert, sondern, so möchte ich es nennen, in erster Linie als eine umfassende Phänomenologie der inneren Erfahrung. Der Umfang, den die Gefühle in der Biologischen Psychologie einnehmen, und die Bedeutung, die ihnen zuerkannt wird, sind ein Ergebnis dieser Phänomenologie. Ohne an dieser Stelle auf den Inhalt weiter eingehen zu können sei nur soviel vermerkt: Häufig wird, in der alltäglichen Rede ebenso wie in der wissenschaftlichen Literatur, von einem Gegensatz (oder Widerspruch, einer Antinomie oder Spaltung) von Vernunft (Rationalität, Geist, Reflexion) und Gefühl (Emotionalität, Triebsystem, Lustprinzip) gesprochen. Von solchen Dualismen ist in der Biologischen Psychologie nichts zu finden. Vielmehr zeigt sie das innere Zusammenwirken, die Bedeutung und den Einfluß des Denkens auf das Fühlen ebenso wie die Bedeutung und den Einfluß des Fühlens auf das Denken sowie die Konsequenzen dieses Zusammenwirkens bei der Willensbildung und den Entscheidungsvorgängen. Ausgangspunkt beim Menschen selbst Vor allem auch im Kontext der Kontroversen um die vergleichende Verhaltensforschung, die Soziobiologie und Biopsychologie halte ich den Ausgangspunkt beim Menschen selbst, den K. Leonhard wählte, für sehr beachtenswert, da die Kritik an diesen Richtungen sich ja häufig gegen angebliche oder tatsächliche Übertragungen tierischen Verhaltens auf den Menschen richtet. Falls man nicht von vorneherein biologische Grundlagen des Verhaltens leugnet oder sie in der Psychologie für unwichtig hält, ist dieBiologische Psychologie deshalb zumindest eine wichtige Ergänzung zu sonstigen Abhandlungen; ich denke, sie ist ein notwendiges Korrektiv und bietet viele wichtige Erkenntnisse, auch im Hinblick auf die allgemeine Anthropologie, auf eine allgemeine Theorie menschlicher Motivation oder auf die neueren Bestrebungen zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise in der Psychologie. Aber auch dann, wenn man die Schlüsse von K. Leonhard auf biologische Grundlagen ablehnt und das, was er als biologisch gegeben erachtet, für sozial vermittelt hält, bietet dieses Buch einen Reichtum an Beschreibungen und Interpretationen des psychischen (Er)Lebens, der seinesgleichen sucht. Dies gilt ebenso für die anderen Abhandlungen, in denen er einige Themen derBiologischen Psychologie vertiefte oder ergänzend weitere Bereichen der menschlichen Psyche behandelte. Zu nennen sind:
Außerdem entwickelte er eine eigene Theorie zu den Ursachen von Neurosen und eine eigene Form der Therapie (1981). Seine psychotherapeutischen Methoden ähneln dabei oft denen der Verhaltenstherapie, weshalb Beckmann sagt, daß er "mit einigem Recht als Begründer der Verhaltenstherapie bezeichnet werden könnte" (1989, S. 64). Die theoretische Grundlegung und die Erklärung der Wirksamkeit beruht jedoch nicht auf der behavioristischen Psychologie, sondern auf davon völlig divergierenden Annahmen, die in der Biologischen Psychologie erläutert werden. Verständnisschwierigkeiten und Rezeptionsprobleme Warum wurde dieses umfassende psychologische Werk in der akademischen Psychologie kaum beachtet? Ich denke, dafür sind sowohl inhaltliche als auch methodologische Gründe verantwortlich: Inhaltlich betrachtet handelt es sich, wie schon bei seiner Psychiatrie, um ein völlig eigenständiges Werk, in dem nur selten versucht wird, auf andere Richtungen Bezug zu nehmen. Er selbst sagte dazu in der Einleitung der 2. Auflage der Biologischen Psychologie: "Man wird mir vielleicht zum Vorwurf machen, daß ich recht wenig auf anderen Autoren aufbaue. Ich kann mich nur damit entschuldigen, daß ich glaube, etwas Neues vorzubringen, das sich selten von bisherigen Auffassungen und Erkenntnissen ableiten läßt." (1962, S. 8) Die biologische Argumentationsweise, die er dabei vertritt, war und ist für viele Psychologen ein Reizthema, wie die Kontroversen über die Soziobiologie bzw. die Biopsychologie zeigen. Nicht nur, aber vor allem die Leser und Leserinnen aus dem psychologischen und sozialwissenschaftlichen Bereich lehnen seine Thesen oft schon allein deshalb ab, weil Karl Leonhard z. B. von Trieben und Instinkten beim Menschen spricht (und dabei oft sehr problematische Namen für die einzelnen Instinkte wählt). Seine Annahmen über biologische Grundkräfte im Erleben und Verhalten sind zudem oftmals eher spekulativ und angreifbar; mögliche alternative Erklärungen (kulturell-gesellschaftliche Bedingtheit) werden kaum diskutiert. Neben diesen inhaltlichen Positionen verhinderte auch seine Forschungsmethode die Rezeption seines Werkes in der Psychologie: Er verzichte auf methodisch kontrollierte Experimente ebenso wie auf Untersuchungen, die den strengen Kriterien der empirischen Forschung genügen. Statt dessen stützte sich vor allem auf persönliche Beobachtungen (Selbst- und Fremdbeobachtungen) sowie auf Beobachtungen und Informationen, die er in Gesprächen z.B. mit Patienten oder Probanden gewann. Zur Verdeutlichung zog er manchmal auch in Büchern niedergelegte Beobachtungen anderer Autoren heran oder wählte Beispiele aus der schöngeistigen Literatur, da er viele große Dichter auch für gute Psychologen hielt. Selbstbeobachtung als Forschungsmethode Da gerade die Selbstbeobachtung als Methode in der modernen Psychologie sehr umstritten ist oder abgelehnt wird, sei seine Begründung für die Wahl dieser Methode etwas ausführlicher zitiert:
Angesichts der Dominanz der empirisch-experimentellen Psychologie stand er mit diesem Konzept völlig im Abseits - doch vielleicht ändert sich das in Zukunft, denn die einseitige Ausrichtung der Psychologie an naturwissenschaftlichen Methoden wird zunehmend kritisiert und z.B. gefordert, auch die "Perspektive des erlebenden Subjekts" und die "Perspektive eines Gesprächspartners" (Werbik 1992, S. 3) als Möglichkeiten anzuerkennen, von denen her wissenschaftlich-psychologische Aussagen gewonnen werden können. Sollte sich diese oder ähnliche Forderungen nach der Zulässigkeit phänomenologischer oder hermeneutischer Methoden in der Psychologie durchsetzen, dann wäre meiner Ansicht nach auch die Vorgehensweise von Karl Leonhard rehabilitiert, die ja primär durch die Perspektiven des erlebenden Subjekts und des Gesprächspartners bestimmt sind. Der Weg wäre dann (endlich) frei, seine Aussagen jenseits eines methodischen Verdikts inhaltlich zu diskutieren. Und vielleicht würde dann auch (an)erkannt werden, daß seine Psychologie - gerade wegen dieser Perpektiven - eine lebensnahe Psychologie und auch in dieser Hinsicht sehr modern ist: Gegenstand der Betrachtung ist das Erleben und das Handeln der Menschen in den vielfältigen Situationen des Alltags, seine Beispiele stammen, wie er sagt, "aus dem wirklichen Leben". Indem er damit die subjektiven Erfahrungen begreiflich machen und erklären will, erreicht er eine große Lebensnähe, unabhängig davon, wieweit man ihm jeweils zustimmt. Im Unterschied zu weiten Bereichen der universitären Psychologie wertet diese Psychologie den Alltagsverstand nicht ab, sondern knüpft an ihn an, um ihn zu verbessern und zu korrigieren, zu erweitern und zu vertiefen. Sie verhindert damit die Kluft "zwischen der wissenschaftlich aufgebauten Psychologie und dem, was man im allgemeinen Sprachgebrauch psychologisch nennt" (1962, S. 7). Von sich selbst sagte Karl Leonhard mit Vorliebe, er sei ein "konkreter Denker". Er hat nicht mit spektakulären Theorien begonnen oder große hypothetische Entwürfe zur Diskussion gestellt, sondern zunächst und vor allem beobachtet, untersucht und beschrieben. Er bleibt dabei nicht bei einer isolierenden oder abstrahierenden Feststellung einzelner Merkmale stehen, die dann additiv zusammengefügt werden, sonden beschreibt vor allem Bilder, Muster oderTypen. Die Fähigkeit zur Erkenntnis solcher Zusammenhänge im beobachteten Material samt der Fähigkeit zur genauen und anschaulichen Beschreibung, die wie schon erwähnt auch seiner Aufteilung zugrunde liegt, zeichnet meines Erachtens in besonderer Weise sein gesamtes Werk aus. Auf dem Würzburger Symposium wurde mehrmals gesagt, er sei in dieser Hinsicht ein Genie gewesen. Auf dieser Grundlage hat er dann Schlüsse gezogen, über die man häufig durchaus geteilter Meinung sein kann: neben zwingenden oder sehr plausiblen Schlüssen finden sich auch recht spekulative Überlegungen und manche sehr fragwürdigen Urteile. Insgesamt ist dabei jedoch, wie Beckmann in seinem Nachruf sagt, ein erstaunliches und einzigartiges Lebenswerk entstanden. Das betrifft einerseits den thematischen Umfang seines Werkes und die Ausarbeitung der einzelnen Teile, die hier nur angedeutet werden konnten. Das betrifft aber andererseits vor allem auch den inneren Zusammenhang seiner beiden Hauptwerke: DerAufteilung und der Biologischen Psychologie. Dieser Zusammenhang wird in seiner Biopsychologie der endogenen Psychosen(1972) entwickelt, ich kann ihn hier in Kürze nicht nachzeichnen. Nur soviel: Er behauptet, daß seine Charakterisierung und Deutung der endogenen Psychosen eine indirekte Bestätigung seiner Beschreibung wesentlicher Merkmale der gesunden Psyche in der Biologischen Psychologie enthalte, und umgekehrt diese Beschreibung eine indirekte Bestätigung seiner Charakterisierung der Psychosen; und daß das kein Zirkel, sondern ein gegenseitiger Beweis sei, da die beiden Seiten auf voneinander unabhängigen Beobachtungen bzw. Schlüssen beruhten. Man kann Zweifel haben, ob das inhaltlich und methodisch tatsächlich zutrifft, aber: Das ist ein Gesamtentwurf der menschlichen Psyche wie es nur wenige andere gibt! Kontakt: Anmerkungen: 1. Ein Großteil der Vorträge auf diesem Symposium wurde veröffentlicht in: Psychopathology, Vol. 23, No. 4-6, 1990: Leonhard Classification of Endogenous Psychoses. 2. Oft komme eine konstitutionelle "Systemschwäche" hinzu, die hier nicht weiter erläutert werden kann. 3. Sehr informative und auch für psychiatrische Laien nachvollziebare Beispiele solcher Krankheitsbilder bietet das posthum erschienene Buch Bedeutende Persönlichkeiten in ihren psychischen Krankheiten (1988), in dem unter anderen auch die Krankheiten von Rousseau, Hölderlin, Schumann und van Gogh auf Grundlage ihrer eigenen Schriften und Briefe geschildert und beurteilt werden. Im Text erwähnte Literatur Karl Leonhard:
Beckmann, H.: In memoriam Karl Leonhard. In: Nervenarzt (1989) 60:63-64 Davison, G.C., Neale, J.M.: Klinische Psychologie. München, Weinheim 1988 Werbik, H.: Wahlfreiheit und Naturkausalität. Memorandum 72, Inst. f. Psych. d. Univ. Erlangen 1992 |