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  Hans-Walter Leonhard:

Zur Bedeutung des Unterbewußten in der menschlichen Psyche

 Für die Internet-Publikation bearbeitete Neufassung eines Kapitels aus dem Buch:  H.-W. Leonhard: Pädagogische Menschenkunde. Deskriptive Phänomenologie des Fühlens, Denkens und Wollens. Weinheim/München: Juventa 1996.
Inhalt:
- Nicht-bewußte Inhalte, Kräfte und Funktionen in der menschlichen Psyche
- Leistungen des Unterbewußtseins
- Der Beitrag des Unterbewußtsein zu Problemlösungen
- Das Unterbewußte bei alltäglichen Handlungen


Zur Bedeutung des Unterbewußten
in der menschlichen Psyche

 

Nicht-bewußte Inhalte, Kräfte und Funktionen in der menschlichen Psyche

Das im Bewußtsein Befindliche ist in ständiger Bewegung, die Bewußtseinsinhalte wechseln und sind dem Bewußtsein in wechselnder Klarheit präsent. All das, was sich nicht im (je aktuellen) Bewußtsein befindet, nenne ich ›nichtbewußt‹. Man kann beim Nichtbewußten, grob vereinfachend, drei Gruppen unterscheiden:

  • Das, was zwar im je aktuellen Bewußtsein nicht enthalten, aber bewußtseinsfähig ist und zu Bewußtsein kommen kann; es liegt ›unterhalb‹ des aktuellen Bewußtseins, kann jedoch zu ihm ›aufsteigen‹. Beispiel sind Erinnerungen, die im Bewußtsein auftauchen.
  • Das, was zwar als solches niemals zu Bewußtsein kommt, aber vom bewußten Erleben und den bewußten Erfahrungen her erschließbar ist. Beispiel: Wenn eine Erinnerung an eine frühere Situation im Bewußtsein auftaucht, dann ist zwar meist gedanklich rekonstruierbar, welche Analogie oder Ähnlichkeit mit dem aktuellen Bewußtseinsinhalt die Erinnerung hervorrief, aber wie das geschah, also der Vorgang, der vom aktuellen Erleben zu den unterbewußt aufbewahrten Erinnerungen führte, und die Auswahl, die dort geschah, ist nichtbewußtseinsfähig.
  • Aktivitäten der inneren Organe und endokrinen Drüsen, die zwar, vor allem bei Störungen, im Bewußtsein erfahrbare Wirkungen zeitigen, aber selbst keine Entsprechung im Bewußtsein besitzen.

Diese letzte Gruppe bezeichne ich als ›außerbewußt‹, die beiden anderen ohne Bedeutungsunterschied als ›unbewußt‹ oder ›unterbewußt‹. Zwar könnte man die erste Gruppe ›unterbewußt‹ und die zweite ›unbewußt‹ nennen, aber ich verzichte auf diese Differenzierung erstens, weil der allgemeine Sprachgebrauch sehr uneinheitlich ist (1), und zweitens, weil dadurch eine begrifflich Trennung vorgenommen würde, die bei der Beschreibung der Phänomenen selbst oft nicht konsequent durchführbar ist. Wenn man zum Beispiel an die Inhalte denkt, die nach kürzerer oder längerer Zeit dem Vergessen anheimfallen: Wo genau soll man die Grenze zwischen einem (noch) bewußtseinsfähigen Unterbewußten und einem nicht (mehr) bewußtseinsfähigen Unbewußten ziehen? Zudem werden gemeinhin unter den Begriff ›Unterbewußtsein‹ beide Bereiche subsumiert, da es zu ›unbewußt‹ kein analoges Substantiv gibt. Auch die Grenze zwischen Bewußtem und Außerbewußtem ist nicht starr, denn es gibt zuweilen, wie Karl Leonhard sagt, »eine Grenzverschiebung des Bewußtseins ins sonst Außerbewußte hinüber« (BP*, S. 16). Er stützt diese Aussage auf psychiatrische Beobachtungen, zum Beispiel auf die Schilderungen von Menschen, die an bestimmten Psychosen leiden und in einer Art und Weise über Vorgänge etwa im Magen oder im Darm berichten, die kaum Zweifel daran offen lasse, daß sie dem Normalbewußtsein verschlossene Vorgänge empfinden (vgl. K. Leonhard 1970, S. 27 ff). Umgekehrt können »besonders ›begabte‹ Hysteriker aktiv in körperliche Abläufe eingreifen, die sonst dem bewußten Willen verschlossen sind« (BP, S. 16). (2)

Die begrifflichen Bestimmungen bzw. Unterscheidungen bewußt/außerbewußt und bewußt/un(ter)bewußt sind ebenfalls nur als ›unscharfe‹ Begriffe zu verstehen. Wenn neue Inhalte zu Bewußtsein kommen, geschieht dies oft in einer Weise, die eine eindeutige Scheidung in Un(ter)bewußtes und Bewußtes nicht erlaubt, denn es gibt eine ›Grauzone‹ des Vor- oder Halbbewußten.

Trotz der Unschärfe der Begriffe und den fließenden Übergängen im psychischen Geschehen selbst sind jedoch einige Aussagen über das Unterbewußtsein, sein Verhältnis zum Bewußtsein und seinen Anteil an bewußten Leistungen möglich.

Leistungen des Unterbewußtseins

Die Bedeutung des Bewußtseins wird, so Jaynes, häufig falsch eingeschätzt:

»Das Bewußtsein (ist) nicht das, wofür wir es im allgemeinen halten. Es ist nicht mit der Reaktionsfähigkeit zu verwechseln. Es ist an vielen Wahrnehmungsvorgängen nicht beteiligt. Es ist nicht beteiligt an der Ausübung von Geschicklichkeiten und stellt oft eine Behinderung für sie dar. Es ist nicht notwendig am Sprechen, Schreiben, Zuhören oder Lesen beteiligt. ... Es ist nicht erforderlich zum Urteilen noch für die einfachen Formen des Denkens. Es ist nicht der Sitz der schlußfolgernden Vernunft, und tatsächlich finden selbst komplizierteste Formen kreativen Denkens ganz ohne Mitwirkung des Bewußtseins statt« (1988, S. 63).

In all diesen Bereichen oder Tätigkeiten spielt das Unterbewußtsein eine wichtige, oft führende Rolle, wie an allen Punkten gezeigt werden kann, bei denen laut Jaynes die Rolle des Bewußtseins überschätzt wird:

• Für die Reaktionsfähigkeit ist das Bewußtsein oft sogar ein Hindernis. Wenn es auf die reine Reaktionsfähigkeit ankommt, ist es am besten, sich sozusagen in einen ›Reaktionsautomaten‹ zu verwandeln, nur aufmerksam oder konzentriert zu sein, ohne einen bewußten Vorsatz, daß man jetzt ›richtig‹ reagieren müsse. Bekannt ist dieses Phänomen beispielsweise aus dem Sport: Ein ›Torjäger‹, der sich im gegnerischen Strafraum nicht mehr auf seinen ›Instinkt‹ verläßt, sondern sich vornimmt, was er machen will, ein Tennisspieler, der während des Schlagwechsels bewußt überlegt, wie er den Gegner ausspielen kann, statt ›intuitiv‹ zu reagieren, sie klagen über Mißerfolge und erklären dies - zu Recht! - damit, daß sie zu viel denken würden.

• Die Tatsache, daß das Bewußtsein an vielen Wahrnehmungen nicht beteiligt ist, wird dann besonders deutlich, wenn Wahrnehmungen ›verzögert‹ zu Bewußtsein kommen: Man hört Radiomusik während einer konzentrierten Arbeit, registriert zwar die dazwischen erfolgenden Wortbeiträge, achtet aber nicht auf den Inhalt, und könnte auf eine Frage hin auch nicht beantworten, worüber geredet wird. Plötzlich aber hat man das Empfinden ›da war doch etwas Wichtiges‹, und konzentriert man sich dann statt auf die Arbeit auf diese Empfindung, so kommt meist auch der Inhalt des vorher Gehörten zu Bewußtsein: Die Wahrnehmung selbst erfolgte also unterbewußt; und unterbewußt wurde sie zudem auch als so ›wichtig‹ deklariert, daß sie sich trotz der Konzentration auf eine andere Sache im Bewußtsein bemerkbar machte.

• Die Tatsache, daß das Bewußtsein an den Akten des Sprechens oder Schreibens selbst nicht beteiligt ist, beschreibt Jaynes so: »Beim Sprechen und Schreiben sind wir uns unseres faktischen Tuns nicht wirklich bewußt. Das Bewußtsein betätigt sich in der Entscheidung darüber, was wir sagen wollen und wie und wann es am besten zu sagen ist; aber was dann kommt: die geordnete und zweckentsprechende Aneinanderreihung von artikulierten Lauten oder geschriebenen Buchstaben, wird uns irgendwie abgenommen« (Jaynes 1988, S. 40). - Auch hierzu ein Beispiel: Wer ›blind‹ Schreibmaschine schreiben kann, braucht sich nur auf den Inhalt zu konzentrieren, die Finger wählen dann die entsprechenden Buchstaben sozusagen ›von selbst‹. Analoges gilt für die Handschrift: Man braucht sich nicht bewußt vorzunehmen, bestimmte Buchstaben zu schreiben.

• Bei den Inhalten des Sprechens übernimmt das Unterbewußtsein ebenfalls wichtige Funktionen. Einige Beispiele: Bei einem längeren Redebeitrag in einer Diskussion hat man oft nur eine Art Struktur des beabsichtigten Beitrags im Bewußtsein, den Ausgangspunkt, einige zentrale Argumente und den Schlußpunkt, den man erreichen will. Dadurch werden Assoziationspunkte geschaffen, deren inhaltliche Füllung in der Rede selbst unterbewußt erfolgt, denn die bewußten Gedanken sind dem Inhalt, der gerade gesprochen wird (3), oft schon voraus, um der Rede ihren weiteren Gang zu weisen. Und oft nicht einmal dies: Jemand setzt zu einer Erwiderung an, sei es, weil es in einer bestimmten Situation notwendig ist, sei es, weil er das ›Gefühl‹ hat, eine Aussage nicht unkommentiert stehen lassen zu können, aber noch ohne genaue Vorstellung über den Inhalt der Gegenrede zu haben - und redet dennoch flüssig, weil das Unterbewußtsein die Führung übernimmt und ausgehend vom gerade gesprochenen Wort oder Satz das Bewußtsein mit Folgegedanken anfüllt.

Kleist sagt zu diesem Phänomen: »Ich glaube, daß mancher große Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch gar nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen« (1965, S. 319 f). (4)

• Beim logischen Denken und Schlußfolgern liegt der Anteil des Unterbewußtseins einerseits darin, daß es die konkrete Vorstellungsvielfalt bereithält, die ein unanschaulicher, abstrakter Begriff umfaßt und aus der sich die Bedeutung des Begriffs ergibt. Er liegt andererseits darin, daß die intellektuellen Kräfte der Beziehung und Unterscheidung wesentlich im Unterbewußtsein wirken, und sich erst die Ergebnisse, zu denen diese Kräfte führen, im Bewußtsein bemerkbar machen. Sie sind nicht, wie etwa die Muskelkräfte, unmittelbar und willentlich abruf- und steuerbar.

Der Beitrag des Unterbewußtsein zu Problemlösungen

Auch beim Lösen von Problemen, die ein Nachdenken erfordern, spielt das Unterbewußtsein eine wichtige Rolle. Lösungen scheinen oft gerade dann im Bewußtsein auf, wenn das Denken sich von dem Problem abgewandt hat, und gelangen als kreative Einfälle zu Bewußtsein. Einfälle kann man nicht erzwingen, sondern nur befördern: Ob einem etwas einfällt, das zur Lösung eines Problems beiträgt oder schon selbst die Lösung darstellt, ist keine Angelegenheit direkter willentlicher Lenkung; man kann einen Einfall nicht im Bewußtsein erzeugen, sondern er kommt zu Bewußtsein (5), entsteht also unterbewußt. Ob man die richtigen Einfälle hat, ist aber nicht völliger Zufall, sondern hat in der Regel drei Voraussetzungen, nämlich:

  • Es muß eine Fragestellung entwickelt werden. Ein ›Problem‹ zu haben bedeutet zunächst nur, daß man etwas nicht weiß; man weiß damit auch nicht, was man tun kann, soll oder muß, um das Nichtwissen zu beseitigen. Dazu muß man eine Fragestellung entwickeln, d. h. positiv benennen, was man wissen will; erst die Fragestellung gibt die Orientierung für die weitere geistige Tätigkeit. Ohne Fragen (Was? Wie? Warum? Wozu?) gibt es keine Antworten - und damit auch keine Lösung von Problemen.
  • Es müssen die Kenntnisse bereits vorhanden sein, aus deren Verknüpfung sich die Lösung oder ein Lösungsweg ergibt.
  • Man muß sich gedanklich mit dem Problem beschäftigen, d. h. die gedankliche Konzentration auf das Problem richten und das Bewußtsein nach Möglichkeit von anderen Vorstellungen freihalten. In seiner Analyse des wissenschaftlichen Denkens betont Litt, »daß dem Forscher nie und nimmer eine Intuition zufallen würde, in der die Lösung des ihn beschäftigenden Problems sich vorzeichnet, hätte er nicht zuvor in methodisch diszipliniertem Denken um die Lösung dieses Problems gerungen. Dem nicht durch die Schule der Methode gegangenem Kopf sind sachdienliche Einfälle versagt« (1959, S. 57).

Man kann sozusagen den Boden für Einfälle bereiten, sie selbst entstehen jedoch im Unterbewußtsein, das Beziehungen herstellt, Unterscheidungen trifft und einzelne Elemente neu kombiniert. Die Ergebnisse solcher Vorgänge gelangen dann als Einfälle ins aktuelle Bewußtsein. Die intellektuellen Kräfte der Beziehung und Unterscheidung wirken im Unterbewußtsein oft auch noch nach der bewußten Konzentration, wenn man sich bereits wieder mit anderen Gedanken beschäftigt. Oft ist eine Beschäftigung mit anderen Gedanken oder mit anderen Tätigkeiten sogar förderlich oder notwendig, um Lösungen zu finden. Von berühmten Wissenschaftlern ist bekannt, daß ihnen ihre besten Einfälle oft völlig unvermutet kamen: Helmholtz erzählt, seine besten Gedanken hätten sich besonders bei Spaziergängen im sonnigen Bergwald eingestellt, Poincaré hatte die ›Erleuchtung‹, wie ein schwieriges mathematisches Problem zu lösen sei, als er auf einer Reise gerade in einen Omnibus stieg, und von Einstein wird berichtet, daß ihm hervorragende Ideen häufig am Morgen beim Rasieren kamen (weswegen er sein Rasiermesser immer sehr vorsichtig benutzt habe, um sich in diesen Momenten nicht vor Überraschung zu schneiden).

Im alltäglichen Leben gibt es ein analoges Phänomen: Wenn einem ein bestimmter Name oder Begriff trotz größten Bemühens nicht einfällt (6), obgleich man weiß, daß man ihn kennt, ist es meist sinnvoll, die Bemühung aufzugeben und sich mit anderen Tätigkeiten zu beschäftigen - und plötzlich fällt einem der Name oder Begriff wieder ein. Offenbar befand sich das Unterbewußtsein auf einer falschen Spur, von der es solange nicht loskam, als sich die bewußte gedankliche Konzentration auf die Frage richtete. Wahrscheinlich ist der Vorgang bei wissenschaftlichen Problemen und Einfällen ähnlich: Das konzentrierte, logische Denken beinhaltet, verglichen mit dem freien Denken, durch die bewußte Setzung von Assoziationspunkten zugleich eine Einengung auf (vermeintlich) Sachdienliches. Wenn nun innerhalb dieses Bereiches die Lösung nicht zu finden ist, muß die Konzentration wieder aufgegeben werden, damit das Unterbewußtsein die Möglichkeit hat, weitere Zusammenhänge einzubeziehen. Kreative Einfälle und neuartige Lösungen zeichnen sich meist ja gerade dadurch aus, daß sie abseits der gewohnten und üblichen Gedanken liegen. Jaynes behauptet sogar, daß beim kreativen Denken immer diese zeitweilige Abwendung vom Problem nötig ist: »Das kreative Denken (durchläuft) verschiedene Stadien, zuerst ein Präliminarstadium, in dem das Problem bewußt durchgearbeitet wird, dann eine Inkubationsphase ohne irgendwelche bewußte Konzentration auf das Problem und darauf die Erleuchtung, die hinterher logisch begründet wird« (1988, S. 60).

Während des konzentrierten Denkens macht sich die Tätigkeit des Unterbewußtseins durch die assoziativen Gefühle der Unterbrechung und Verknüpfung im Oberbewußtsein bemerkbar: Das Gefühl der Unlust herrscht vor, wenn man nachdenkt und (noch) nicht zur Lösung gelangt; hat sich ein Ergebnis gebildet, tritt das Lustgefühl der Verknüpfung auf, und zwar mit dem Hinweiserlebnis, daß man zur Lösung gelangt ist. Es kündigt dadurch im Oberbewußtsein an, daß eine Lösung gefunden wurde und in welche Richtung sie geht. Besonders deutlich ist dieses Hinweiserlebnis beobachtbar, wenn die Lösung sich nicht im Bewußtsein entfaltet, dem Hinweis also nichts folgt: Lösung ›liegt dann auf der Zunge‹, war als kurze Feststellung da, aber man konnte sie nicht gedanklich festhalten. Dieses Hinweiserlebnis kann, wie alle elementaren psychischen Erlebnisse, nicht exakt beschrieben werden, aber jeder dürfte es kennen, beispielsweise in dem Gefühl, daß man die Antwort auf eine Frage, die Lösung eines Problems weiß: Das Gefühl kündigt an, daß sie bereit liegen und nur noch formuliert zu werden brauchen. Es ist also ein (Selbst)Mißverständnis, wenn man glaubt, die Lösung von Problemen erfolge durch bewußte Schlüsse: »Der Wissenschaftler, der sich mit seinen Problemen hinsetzt und bewußte Induktionen und Deduktionen auf sie anwendet ist ebenso ein Fabelwesen wie das Einhorn« (1988, S. 59) sagt Jaynes, und hat damit ebenso recht wie mit seiner Behauptung, daß die eigentlichen Schlußvorgänge sich im Unterbewußtsein abspielen (vgl. ebd. S. 58).

Auch die Logik ist - zunächst - eine Angelegenheit des Unterbewußten; sie wird, wenn sie als System von Regeln und Gesetzen formuliert wird, nicht erfunden oder konstruiert, sondern gefunden. Sie ist die bewußte Formulierung dessen, was beim Denken sich faktisch ereignet, bei welchen Verküpfungsformen von Sätzen man das ›Gefühl‹ hat, sie stimmen bzw. sie stimmen nicht. Selbst Hegel betont, daß man die Gesetze der Logik nicht zu kennen braucht, um richtig schließen zu können: »Dabei wird unbedenklich zuzugeben sein, daß, sowenig es, um gehörig zu verdauen, zu atmen usw., eines vorgängigen Studiums der Anatomie und der Physiologie bedarf, ebensowenig auch, um richtige Schlüsse zu ziehen, man vorher Logik studiert zu haben braucht« (1830/1970a, S. 336).

Die Einsicht, daß wesentliche Schritte der Denktätigkeit in Vollzügen des Unterbewußtseins erfolgen, wird leicht durch die Tatsache verdeckt, daß das logische Denken meist in zwei Phasen erfolgt und die zweite Phase so stark im Bewußtsein hervortritt, daß die erste oft unbemerkt bleibt. Diese erste Phase ist das, was ich zu schildern versuchte: Durch das Nachdenken entstehen Einfälle, die eine (mögliche) Antwort auf die Frage darstellen, die das Bewußtsein beschäftigt hat. Diese Einfälle werden nun, und das ist die zweite Phase, bewußt formuliert, begrifflich festgehalten, was nichts anderes heißt, als daß der unterbewußt und implizit gefundene Zusammenhang oberbewußt und explizit formuliert wird. Es werden damit Schritt für Schritt neue Assoziationspunkte im Bewußtsein geschaffen, begleitet, wenn die Lösung richtig war, vom Lustgefühl der Verknüpfung, und wenn etwas doch nicht zusammenpaßt, vom Unlustgefühl der Unterbrechung. Im letzteren Fall muß das Nachdenken aufs neue beginnen, kann sich aber nun meist genauer dem Problem zuwenden, das noch besteht.

Die Ausformulierung eines Gedankens ist so gleichzeitig seine Überprüfung, vor allem, wenn er schriftlich festgehalten wird, da dies in der Regel eine größere Festlegung bedeutet als das flüchtige Wort. Die schriftliche Darstellung der Ergebnisse von Forschungsprozessen erfolgt zudem in der Regel systematisch, d. h. als bewußt geordneter, groß angelegter Beweisgang, in dem der Beweissatz so mit den Beweisgründen verknüpft wird, daß er als notwendige Folgerung erscheint.

Da diese zweite Phase, die bewußte Ausformulierung einzelner Gedanken oder eines größeren Zusammenhanges, sehr stark das Bewußtsein beherrscht, wird sie leicht für das Ganze des psychischen Vorgangs gehalten und der entscheidende unterbewußte Anteil am erkennenden Denken übersehen. Man kann sich diese Wichtigkeit des Unterbewußten jedoch zum Beispiel dadurch verdeutlichen, daß man die Aufgabe der Vermittlung von Kenntnissen und den Unterschied von auswendigem Nachsagen und inwendigem Begreifen bedenkt:

Der Lehrende bietet die Lösung eines Problems meist in begrifflicher Form dar. Die reine Wiederholung dieser Lösung durch den Schüler sagt noch gar nichts darüber aus, ob er sie im eigentlichen Sinn verstanden, begriffen hat oder ob er sie nur auswendig behalten hat: Entscheidend für den Lehr- und Lernerfolg ist, ob sich im Unterbewußtsein des Schülers die entsprechenden Verbindungen und Verknüpfungen herstellen, von denen die Formulierung des Lehrers der Ausdruck war. Die Schwierigkeit des Lehrens besteht darin, daß auf die Herstellung dieser Verbindungen selbst, auf die es ja schließlich ankommt, nur indirekt Einfluß genommen werden kann, etwa indem Varianten der Erklärung angeboten werden, in der Hoffnung, daß eine andere Formulierung die unterbewußten Zusammenhänge stiftet, oder indem Beispiele gegeben werden, in der Hoffnung, daß damit eine Verknüpfung über die Ebene der Vorstellungen erreicht werden kann.

Das Unterbewußte bei alltäglichen Handlungen

Das Unterbewußtsein ist auch an Entscheidungsvorgängen beteiligt: Wenn bei schwierigeren Entscheidungen, über die mehr oder weniger lange nachgedacht wird, sich schließlich eine eindeutige Präferenz für eine der möglichen Alternativen ergibt und die Entscheidung entsprechend getroffen wird, so ist der Vorgang, der zu dieser Präferenz führte, unterbewußt, im Bewußtsein steht nur das Ergebnis. Jedoch: Nur bei schwierigeren Entscheidungen, in denen verschiedene Möglichkeiten zu bedenken sind, wird eine bewußte Entscheidung getroffen. Viele alltägliche Handlungen werden hingegen von Unterbewußtsein ein- und geleitet. Ein Beispiel: Ich habe gerade eben mein Schreiben unterbrochen, bin aufgestanden und habe die Seite einer Schallplatte gewechselt. Die erste Seite war ungefähr seit 10 - 20 Minuten abgelaufen - ich weiß es nicht genau und kann es auch nicht rekonstruieren: Meine Gedanken waren zu sehr mit diesem Text beschäftigt. Ich habe mir auch nicht bewußt überlegt, ob ich die Schallplatte jetzt wechseln will - und ich kann mich nicht an einen inneren Entscheidungsvorgang erinnern. War es überhaupt eine Entscheidung? Blitzte kurz der Gedanke auf: Die Platte ist abgelaufen, soll ich weiterschreiben und diesen Gedanken zu Ende führen oder nicht? Wenn ja, warum gerade zu dem Zeitpunkt, wo er kam? Oder war es ein reiner Automatismus? Wenn ja: Warum setzte der Automatismus nicht sofort ein, als die Seite abgelaufen war, sondern erst 10 - 20 Minuten später? Ich vermag nicht zu sagen, ob (7)es ein Automatismus war oder eine Entscheidung, doch selbst im letzteren Fall erfolgte sie so schnell, daß sie wesentlich als unterbewußter Akt gekennzeichnet werden müßte.

Wenn man einmal sich selbst eine zeitlang bei alltäglichen Tätigkeiten beobachtet, dann stellt man erstaunt fest, wie viele nur von einem begleitenden Bewußtsein registriert werden, ohne bewußt initiiert worden zu sein. Oft ertappt man sich zum Beispiel dabei, daß man eine Handlung begonnen hat und nicht mehr weiß, warum: Man steht auf einmal in der Küche oder im Wohnzimmer und weiß nicht mehr, was man wollte. Manchmal fällt einem dann durch konzentriertes Nachdenken wieder ein, warum man den Weg machte, manchmal hilft der übliche Ratschlag, an den Ort zurückzugehen, von dem man den Ausgang nahm, um den Zweck wieder zu Bewußtsein zu bringen.

All diese Hinweise und Beobachtungen zeigen, daß Jaynes recht hat, der sagt: »Das Bewußtsein macht einen sehr viel geringeren Teil unseres Seelenlebens aus, als uns bewußt ist - weil wir kein Bewußtsein davon haben, wovon wir kein Bewußtsein haben« (1988, S. 35). Das klingt simpel oder tautologisch, erklärt aber dennoch, warum die Bedeutung des Unterbewußtseins ebenso unterschätzt wie die des Bewußtseins überschätzt wird: Für das Bewußtsein existieren als psychische Vorgänge unmittelbar nur diejenigen, die eben bewußtsind. Die Folge, in den Worten von Ornstein: »Was immer ins Bewußtsein kommt, wird massiv überbewertet« (1989, S. 120).

Meine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Unterbewußten bei Freud erfolgt in dem Text:
Träume und das Unterbewußtsein. Die Traumtheorien von S. Freud und K. Leonhard und ihr Konzept des Unterbewußtseins - ein kritischer Vergleich

Anmerkungen

*) "BP" ist im gesamten Text die Abkürzung für die Biologische Psychologie von Karl Leonhard (Stuttgart 1993)  

1. Zur Vielfalt der Bedeutungen, in denen diese Begriffe verwendet werden, vgl. Lersch 1970, S. 604 ff.

2. Die eindringliche Schilderung eines entgegengesetzten Falles, des Verlustes jeglichen Körperbewußtseins, findet man bei Sacks (1987).

3. Ich formuliere absichtlich im Passiv, um dieses Phänomen zu verdeutlichen.

4. Vgl. auch Kleists subtile Analyse der berühmten Erwiderung Mirabeau's auf den Zeremonienmeister des Königs, nur der Gewalt der Bajonette zu weichen (ebd.). - Bei weniger großen Rednern (oder Fußballern der Bundesliga) führt ein solcher Beginn nur zu einer äußerlich verbundenen Abfolge von Gemeinplätzen.

5. Das wird schon durch das Wort ›Ein-fall‹ ausgedrückt: Etwas fällt in das Bewußtsein.

6. Meistens fallen einem dabei andere Namen oder Begriffe ein, von denen man jedoch sogleich weiß, daß sie nicht die gesuchten sind. Genau betrachtet ist das eine erstaunliche Leistung: Obwohl man den gesuchten Namen oder Begriff nicht positiv benennen kann, weiß man, daß diese Einfälle falsch sind!

7. Exakt zu dem Zeitpunkt, als ich beim Schreiben an diesem Wort angelangt war, stand ich auf und goß mir Kaffee in meine Tasse. Alles, was ich über das Wechseln der Schallplatte sagte, und noch sagen werde, trifft auf diesen Vorgang genauso zu, obwohl ich sofort nach dem Eintippen der Fußnotenziffer versuchte, ihn gedanklich zu rekonstruieren!

Zum Literaturverzeichnis