H.-W. Leonhard: 

Erstaunliche Behauptungen über das Alter beim ersten Geschlechtsverkehr

Kritik der 'Vorverlagerungsthese' von Kluge


Folgende Behauptungen stehen unter der Überschrift "neue Grunderkenntnisse" (S. 209) im Schlußkapitel des Buches Sexualverhalten Jugendlicher heute von Norbert Kluge (1998).(1)  

"Nach Aussagen der 17jährigen Jugendlichen zur Kohabitarche* hat bei den westdeutschen Probanden zwischen der ersten und der Replikationsstudie eine Steigerung von mehr als einhundert Prozent stattgefunden. Berichteten 1980/81 lediglich 44 Prozent der Mädchen und 33 Prozent der Jungen über 'das erste mal', so waren es 1994 92 Prozent der weiblichen und 79 Prozent der männlichen Teenager, die über entsprechende Erfahrungen verfügten."
(* Kohabitarche: Erster Geschlechtsverkehr. HWL)

"Vergleicht man nun die Kohabitarchedaten der Jugendlichen mit denen der Eltern in der Gesamtstudie, dann zeigt sich die Beschleunigung des ersten Auftretens dieser sexuellen Verhaltensweise noch drastischer als bei den jungen Leuten selbst. Liegen die höchsten prozentualen Anteile der Mütter im Alter von 17 (22,4%) und 18 (24,6%), so sind sie bereits bei den Töchtern im Alter von 15 (31,3%) und 16 (38,8%) Jahren in weit höherem Ausmaß zu konstatieren ..."

"Bei den westdeutschen Jugendlichen wurde zwischen 1980/81 und 1994 eine Vorverlegung der ersten intimen Beziehungen insgesamt festgestellt: bei den Mädchen um 2,4 Jahre, bei den Jungen um 3,1 Jahre. Auch diese Daten vermögen eindeutig die Vorverlagerungsthese beim ersten Koitusverhalten zu belegen."

(Kluge 1998, S. 211; die Grafiken wurden von mir eingefügt. HWL).


Auf der Rückseite des Buches wird versprochen: "Über die sexuellen Aktivitäten der Jugend wird immer wieder spekuliert und diskutiert. Nunmehr kann auf repräsentative und statistisch abgesicherte Untersuchungsergebnisse zurückgegriffen werden." Das wohl spektakulärste Ergebnis, das im Buch vorgestellt wird, ist die zeitliche Vorverlagerung des ersten Geschlechtsverkehrs der Jugendlichen von 1994 im Vergleich zu den Jugendlichen von 1980/81. Diese "Vorverlagerungsthese" (S. 210) wird vor allem mit den oben zitierten Daten begründet. Meine These lautet jedoch:

Alle oben zitierten Aussagen beruhen auf methodischen Fehlern bei den Berechnungen und/oder auf falschen Interpretationen und/oder auf falschen Vergleichen. Die Vorverlagerungsthese ist deshalb in der vorgelegten Fassung völlig haltlos und steht zudem im Widerspruch zu anderen Ergebnissen der Untersuchung.

Da bei den Aussagen über die Jungen an jeder Stelle dasselbe Verfahren wie bei den Aussagen über die Mädchen vorliegt, beschränke ich bei meiner Analyse bzw. Kritik mehrmals, um Wiederholungen zu vermeiden, auf die Analyse der Aussagen über die Mädchen.

Weiter zum Text:

1. Analyse einiger Aussagen zur Kohabitarche 1994 

2. Analyse des Vergleichs zwischen 1994 und 1980/81 

3. Analyse des Vergleichs zwischen den Mädchen 1994 und den Müttern

Fazit

 

Anmerkung

1. Im Folgetext beziehen sich alle Seitenangaben ohne weitere Quellenangaben auf dieses Buch.