Wann machen's
die Jugendlichen?
In
der FOCUS - Titelgeschichte "Erste Liebe" (Zwischen Unschuld und Sexualität,
H. 28/2001, S. 123 ff) steht: "Neueste, noch unveröffentlichte Forschungsergebnisse von Sexualwissenschaftlern der Universität Koblenz-Landau und des Münchner Klinikums Großhadern (vgl. Studie S. 130) belegen, dass Teenager Leidenschaft, Lust und Trieb immer früher entdecken. Im
Durchschnitt, erklärt Sexualforscher Norbert Kluge, haben deutsche Jugendliche zu diesem Zeitpunkt ihren 15. Geburtstag noch vor sich.
Verloren Mädchen vor 20 Jahren im Schnitt mit 17,3 Jahren ihre Unschuld, geben sie sich
heute bereits mit
14,9 Jahren hin. ... Noch deutlicher zeigt sich der Trend bei den Jungen: Von 1980 bis 1994 verlagert sich der Zeitpunkt des ersten Beischlafs sogar um drei Jahre nach vorne." (S. 124)
Und auf S. 131 liest man die noch erstaunlicheren Behauptungen:
"1977 geborene Jugendliche verloren ihre Unschuld im Schnitt mit
15,6 Jahren, 1980
geborene Teenager mit
13,7 Jahren. ... In
diesem Jahr, rechnet Kluge seine Untersuchungen hoch, werden
Jugendliche beim ersten Verkehr im
Durchschnitt 14 Jahre alt sein." (S.
131)"
Schon dieser Zahlenwirrwarr mahnt zur Vorsicht: Was soll denn nun
gelten? Heute und in
diesem Jahr kann ja wohl nur das aktuelle Jahr 2001 meinen; dazu wird einmal
als Untersuchungergebnis gesagt, die Mädchen seien im Schnitt 14,9
Jahre, dann gibts noch die Hochrechnung 14
Jahre! Wie paßt das zusammen?
Und außerdem: Daß vom Geburtsjahrgang 1977 bis zum Geburtsjahrgang
1980, also in drei Jahren, eine Vorverlagerung von 15,6
auf 13,7 Jahre,
also um 1,9 Jahren stattgefunden habe soll, ist absolut
unglaubwürdig.
Es würde bedeuten: Geburtsjahrgang 1977 hatte im Schnitt im Jahr 1992
den ersten Geschlechtsverkehr, und Geburtsjahrgang 1980 im Jahr 1993.
Aber trotz dieser enormen Beschleunigung kommt Kluge bei seiner
Hochrechnung für 2001 dann auf eine Zahl, die unter der Zahl von 1993
liegt!
Was davon ist nun richtig? Überhaupt nichts! Schon ein kurzer Blick auf die Daten auf derselben Seite 131 zeigt, daß
all diese Behauptungen mit den tatsächlichen Erfahrungen der Jugendlichen nicht übereinstimmen, sondern völlig fiktiv sind:

Wenn die 1980 geborene Teenager tatsächlich im Schnitt mit
13,7 Jahren 'ihre Unschuld'
verlören, dann müßte von den 14jährigen schon über 50%
Geschlechtsverkehrserfahrungen haben. Tatsächlich sind es jedoch es
'nur' 10% der Jungen und 11% der Mädchen.
Auch die andere Zahl über die Mädchen - 14,9 Jahren
- kann nicht stimmen, denn auch bei den 15jährigen Mädchen
wird die 50%-Marke bei weitem noch nicht erreicht, wie die Grafik
zeigt: 'nur' 29% haben als 15jährige bereits GV-Erfahrung!
In Wirklichkeit liegt im Durchschnitt der ersten Geschlechtsverkehrs einer Altergruppe irgendwann zwischen dem 16. und 17.
Geburtstag, erst dann hat von den Jugendlichen gleichen Alters mindestens die
Hälfte GV-Erfahrung, denn erst bei den 17jährigen wird die 50%-Marke überschritten.
Diese Zahl hat sich übrigens in den 90iger Jahren kaum geändert,
und auch gegenüber 1980 sind bei den 17jährigen die Unterschiede
lediglich bei den Jungen relativ groß, aber nicht bei den Mädchen,
wie folgende Grafik zeigt:

Die Zahlen geben jeweils in Prozent an, wieviel Jugendliche eines
Jahrgangs bereits Geschlechtsverkehrserfahrung haben. Es sind also
sog. kumulierte Zahlen, d.h. zum Beispiel, daß bei den 17jährigen
nicht nur die gezählt werden, die mit 17 ihren ersten GV hatten,
sondern auch diejenigen, die ihn schon vorher hatten.
Die Daten stammen aus der Studie Jugendsexualität 1998. Ergebnisse der aktuelle Repräsentativbefragung,
die 1998 von der der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) publiziert
wurde (vgl. S. 34/35). Die Daten sind Ergebnis einer
Querschnittsuntersuchung. Wenn man nun annimmt, daß sie auch einen
Längsschnitt abbilden, also z.B. annimmt, daß die 17jährigen sich
als 14jährige so verhalten haben wie die befragten 14jährigen, und
diese sich so verhalten werden wie die befragten 17jährigen, dann
kann man berechnen, wieviele Jugendliche jeweils in einem bestimmten
Alter erstmalig einen GV hatten. Die Berechnung führt zu folgender
Grafik:

Auch diese Grafik zeigt, wie unsinnig die Behauptungen sind, im
Schnitt hätten die Teenager mit 13,7 Jahren bzw. die Mädchen mit
14,9 Jahren ihren ersten GV.
Auf
dem FOCUS-Titelblatt und im Artikel wird behauptet, bei den
FOCUS-Daten handele sich um "neueste, noch unveröffentlichte Forschungsergebnisse". Jedoch: Die Daten auf S. 131
mit der Quellenangabe: "N. Kluge, Uni Landau" sind keineswegs neu, sondern wurden alle schon 1998 (!) in der
BZgA-Studie veröffentlicht.
Außerdem stehen die im Artikel erwähnten Daten für 1994 alle in:
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.): Sexualität und Kontrazeption aus der Sicht der Jugendlichen und ihrer Eltern. Eine repräsentative Studie im Auftrag der BZgA. Von Ingolf Schmid-Tannwald und Norbert Kluge unter Mitarbeit von Gerlinde Dahmen ... . Köln
1998, bzw. in:
Kluge, N.: Sexualverhalten Jugendlicher heute. Ergebnisse einer repräsentativen Jugend- und Elternstudie über Verhalten und Einstellungen zur Sexualität. Weinheim und München 1998.
Eine genaue Analyse des Buches von Kluge zeigt die geradezu abenteuerlichen methodischen Fehler, die zu den abstrusen
Durchschnitts-Aussagen führen, die im FOCUS-Artikel genannt werden. Es sind vor allem zwei Fehler:
1. Von den 14-17jährigen Jugendlichen haben zwei Drittel noch keine GV-Erfahrungen. Somit kann man für diese Gruppe eigentlich noch keinen Durchschnitt des 'ersten-GVs' berechnen. Um dennoch
Durchschnittsaussagen treffen zu können, berücksichtigt Kluge nur
die 14-17jährigen, die bereits GV-Erfahrungen haben, also nur
ein Drittel der Jugendlichen. Eine Durchschnittsberechnung für diese Gruppe hat aber keine Aussagekraft für die Gesamtgruppe der Jugendlichen, sondern führt zu unrealistisch frühen Werten.
2. Ein 17jähriger, der mit 14 den ersten GV hatte, kann dies angeben; ein 14jähriger, der mit 17 den ersten GV haben wird, weiß darüber noch nichts. Wenn man deshalb in einer Gruppe von 14-17jährigen die Frage stellt: "Wie alt warst Du beim ersten Geschlechtsverkehr?", dann sind die frühen Daten völlig überrepräsentiert
und verfälschen das Ergebnis. Daß Kluge dieses Problem übersieht, ist ein zweiter Grund für seine unrealistisch frühen
Durchschnittswerte. |
HWLeonhard@web.de
Die ausführliche Analyse und Kritik dieser und noch vieler anderer
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